Nach elf Stunden in einer anderen Welt – Ankunft im Jahr 2005

Nach der Ankunft am Bund: Der Blick auf Pudong im Jahr 2005. Foto: Jochen Klein

Zuerst veröffentlicht am 1.10.2005 auf China-Blog.jok-online.net

„Willkommen in Shanghai.“ Eine letzte Ansage der Crew, dann bin ich nach einem Flug von elf Stunden in einer anderen Welt. „In China ist alles anders“, weiß der Holländer von Sitz 34H, „Sie werden sich schnell daran gewöhnen“, sagt er mit einem viel sagenden Grinsen. Er ist regelmäßig hier, Geschäftsreisen, alle paar Wochen. Anstrengend, klar, aber auch „immer wieder spannend“. Jetzt will er raus aus dem Flugzeug, wie alle anderen auch. Die „Neuen“ wollen erfahren, wie diese Welt aussieht, die sie bisher nur aus bunten Prospekten, dem Fernsehen und vom Hörensagen kennen. Wie sie riecht, wie sie sich anfühlt.
Mehr als 300 Menschen bringt allein der Airbus aus Düsseldorf nach Shanghai. Europäer, Amerikaner, Asiaten – alles drängt zur Passkontrolle. Der Zoll macht keine Probleme, die Beamten stellen keine unangenehmen Fragen, niemand interessiert sich für mein Gepäck.

Mit dem Taxi nach Downtown

Ich nehme ein Taxi nach Shanghai. Der Pudong-Flughafen liegt rund 30 km außerhalb. Der Verkehr hält sich in Grenzen, was heißt, dass es rollt. Neben der Autobahn die Trasse des Maglev – ein Beleg des unaufhaltsamen technischen Fortschritts in China: Der deutsche Transrapid, der jetzt irgendwie chinesisch ist, legt die Strecke zwischen Flughafen und Innenstadt in knapp acht Minuten zurück.

Mein Taxi braucht länger, zumal es in der Stadt enger wird mit dem Verkehr. Die vielen VW Santana – das bevorzugte Modell unter den Taxifahrern – und die anderen meist westlichen Autos vermischen sich zu einem undurchsichtigen Gewirr. Alles kurvt wild durcheinander, mein weiß behandschuhter Fahrer hupt in einer Tour, hält auf vorausfahrende Autos und Zweiräder gnadenlos zu, bremst im letzten Moment, nur um wild kurbelnd wieder Gas zu geben. Dabei schaut er äußerst zufrieden drein, manchmal lächelt er mich an. Ich lächele tapfer zurück und betrachte ansonsten durch das Fenster die für mich neue Welt außerhalb dieses Höllenfahrzeugs.

Endlich kurvt das Taxi in die Wohnanlage Jin Yu Yuan (übersetzt etwa goldener Jadegarten) im Stadtteil Putou ein, wobei sich einer meiner künftigen Nachbarn mit einem kurzen Sprung vor dem heranbrausenden Taxi rettet. Umgerechnet 17 Euro hat die Fahrt gekostet. Ein ähnlich aufregender Besuch beim Halloween Horror-Fest im Bottroper Movie Park hätte mit mindestens 18 Euro zu Buche geschlagen. Mit dem Unterschied, dass der Schrecken in Bottrop nur Fake ist.
Trinkgeld will der Taxifahrer nicht, die schweren Koffer stellt er trotzdem vor die Haustür. „Huanying de Shanghai“ grinst er zum Abschied. „Willkommen in Shanghai.“

Nachtrag im Dezember 2007

Ob es den Bottroper Movie-Park noch gibt, weiß ich nicht. Aber eine ähnlich aufregende Taxifahrt kann man noch immer täglich in Shanghai buchen, wobei ich für die gleiche Strecke heute statt 170 RMB etwa 200 RMB bezahlen muss. Ich ziehe es allerdings inzwischen vor den Weg zwischen Flughafen und Wohnung mit Maglev und U-Bahn (Metro) zurückzulegen. Das ist schneller und schont die Nerven. Es sei denn, es ist rush hour, dann wird es in der Metro eng, was ebenfalls immer wieder Stoff für kleine Geschichten liefert.

Ansonsten hat die Geschichte durchaus noch Gültigkeit. Die wesentlichen Veränderungen sind: Den LTU Direktflug von Düsseldorf nach Shanghai gibt es nicht mehr, der Verkehr ist heute eher schlimmer, der VW-Santana bestimmt nicht mehr so sehr das Straßenbild (wenn auch noch immer fast alle Taxen eben diese Modellbezeichnung tragen und ich bin umgezogen, wohne aber noch immer in Putuo. Zur „Spezies“ des Taxifahrers in Shanghai werde ich später noch einen kleinen Bericht verfassen.

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