Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai

Der Shanghai Tower wächst: Bauarbeiten am neuen 632 Meter hohen Wolkenkratzer in der Nachbarschaft vom Jin Mao Tower und dem World Financial Center im Jahr 2013. Foto: Jochen Klein

Aktualisierung im Dezember 2021 / Erstveröffentlichung im November 2005

Shanghai ist dynamisch, wild, laut, aufregend, ermüdend und vieles mehr. Das war meine Wahrnehmung bei meinem ersten Besuch im Jahr 2004 und das sehe ich auch heute noch so. Obwohl sich wahnsinnig viel rasend schnell verändert hat und die Stadt heute mit der, in die ich 2005 gezogen bin, in vielerlei Hinsicht nicht mehr vergleichbar ist, gibt es mindestens eine Konstante im Wesen dieser Metropole. Und die heißt: Veränderung. Der Wechsel, der Wandel und das immer wieder Neue sind in Shanghai beinahe das einzige, das Bestand hat. Das, so würde ich sagen, ist unverändert gültig.

Bauboom über und unter der Erde: Neue Wolkenkratzer und Metro-Linien

Shanghai bleibt in Bewegung: 2005 ist der neue Tiefwasserhafen Yangshan in Betrieb gegangen, und an jeder Ecke wurde gebaut. In den folgenden Jahren wurden beinahe im Wochenrhythmus neue Einkaufszentrum in der Stadt eröffnet. 2008 war das World Financial Center fertig – mit 492 Metern das damals höchste Gebäude Chinas und das sechsthöchste der Welt. Fast zeitgleich mit der Eröffnung dieses Super-Wolkenkratzers begannen aber auch schon die Arbeiten an dem nächsten Mega-Projekt, dem Shanghai Tower, der mit 632 Metern noch einmal ein gutes Stück höher werden sollte und bei der Eröffnung im Jahr 2016 das dritthöchste Gebäude der Erde war.

Zwischenzeitlich, im Jahr 2010, richtete Shanghai die World Expo aus, die nicht nur 70 Millionen Besucher anzog, sondern auch einen weiteren Bauboom vor und nach der Weltausstellung nach sich zog, der bis heute anhält. 2017 wurde das Shanghai World Expo Museum eröffnet, der Disneyland Park an dem die Bauarbeiten 2011 begannen, war da bereits auf (Eröffnung 2016). Auch an der U-Bahn, in Shanghai Metro genannt, wurde seit 2005 gebuddelt, wie im Wahn. Mit der Eröffnung der Linie 4 im Jahr 2005, gab es in Shanghai 4 Metro-Linien mit insgesamt rund 174 Kilometern Länge. Heute sind es 17 Linien mit einer Gesamtlänge von mehr als 770 Kilometern – und es ist noch nicht vorbei, weitere Linien sind im Bau beziehungsweise geplant.

Und in Deutschland? Da wurde 2006 mit dem Bau des neuen Hauptstadtflughafens begonnen, für den die Planung schon damals bis ins Jahr 1997 zurückreichte. Und obwohl er 2020 endlich eröffnet wurde – so richtig reibungslos im Betrieb ist er wohl immer noch nicht. Was für ein Vergleich mit Shanghai. Aber lassen wir das.

Shanghai Bund: Blick auf Pudong im Jahr 2021. Foto: Jochen Klein

Neben all den Mega- und Vorzeigeprojekten, die ich oben aufgelistet habe, wurde und wird in Shanghai natürlich auch Arbeit, Energie und Geld in „normale“ Infrastruktur und Stadtplanung gesteckt. Neue Bahnhöfe, ausgebaute Flughäfen, hunderte neue Wohnlangen, neue Parks, Renaturierung von Flussufern, Uferbebauungen mit Freizeitwert, neue Museen … die Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Aber beim Thema Bau hat sich auch in Shanghai vieles verändert, zum Beispiel daran, wie und unter welchen Auflagen heute gebaut wird. Es gibt strengere Umweltschutzauflagen, mehr Denkmalschutz, besseren Arbeitsschutz, strengere Regeln. Trotzdem: Das Leben ist in Shanghai eine Baustelle, immer noch.

Ursprungsveröffentlichung vom 17. November 2005 auf china-blog.jok-online.net

China-Blog der VDI nachrichten 2005: Der Ursprung von Jo’s Chinesischem Tagebuch. Quelle: VDI nachrichten

Wo bu hui jiang zhongwen

Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai. Um welche Ecke du auch immer biegst, wohin du auch immer siehst, wo du auch immer die Ohren aufstellst – immer entdeckst, hörst, riechst du eine Baustelle. Oder stehst mittendrin.
Shanghai verändert sich täglich. Tausende neuer Hochhäuser sind in den letzten Jahren entstanden. Etliche neue Wohnviertel wachsen noch immer aus dem Nichts. Neue Straßen werden in zweiter, dritter, ja sogar vierter Etage gebaut, um das ständige Verkehrschaos irgendwie zu bändigen. Der Bau boomt – nicht nur in Shanghai: Die chinesische Regierung plant bis 2010 rund 170 000 km Straßen und 55 000 km Autobahnen neu zu bauen und das Straßennetz auf dann rund 2.3 Mio. km zu vergrößern. Auch das gibt Millionen chinesischen Wanderarbeitern Brot und Perspektive.
Natürlich kann man bei den vielen Baustellen schon mal den Überblick verlieren – auch bei der Planung. So kann es passieren, dass über Nacht ganze Straßen nicht mehr erreicht werden können – es sei denn, du fährst quer über die neu entstandene Baustelle. Was dann auch kein Problem ist, und zumindest mir Gelegenheit gibt, den Kontakt zu den Chinesen zu intensivieren.

Der Weg zur Post führt nur über Baustellen

Der Weg zur Post ist so ein Fall: Ein Paket aus Deutschland will ich abholen. Ich nehme das Fahrrad. Mein chinesischer Begleiter fährt mit dem eigenen Drahtesel – oder besser dem, was davon übrig ist – vorne weg. Der Weg geht an der Hauptstraße entlang – rechts entsteht eine neue Wohnanlage –, an der nächsten Kreuzung biegen wir ab – gleich links wird eifrig an neuen Bürogebäuden gebastelt – , durchqueren zwei Straßenbaustellen, um dann wieder links abzubiegen. Ein Schild schreibt zwar als einzige mögliche Richtung den Weg nach rechts vor, aber das hat offenbar nur Vorschlagscharakter – nicht nur für Radfahrer. Der Grund für das Verbot links abzubiegen, ist schnell ausgemacht. Eine weitere Straßenbaustelle, die Straße steht auf gut 100 m Länge knöcheltief unter Wasser. Kein Grund zur Panik: Wir folgen auf unseren Rädern den vorausfahrenden Rad- und Mopedfahrern, die sich mutig in die Fluten stürzen. Niemand hindert sie daran, uns auch nicht. Nachdem wir diese Baustelle ohne Sturz oder Fußbad hinter uns gelassen haben, biegen wir wieder rechts ab – in die nächste Baustelle.
Keine Ahnung, was hier entsteht, aber sicher ist, dass der Weg zur Post weiträumig versperrt ist. Nun ist auch mein chinesischer Freund überfordert. Ratlos wendet er sich an einen der zahlreichen Bauarbeiter. Der zeigt auf einen Zaun hinter einem Bambusgerüst. Mein Begleiter macht sich auf den Weg – über Bauschutt und Wasserlöcher hinweg krabbelt er durch das Gerüst, um dann durch den Zaun zu schlüpfen. Ich passe derweil auf die Räder auf und lasse mich von acht interessierten Arbeitern ausgiebig studieren, die aus allen Richtungen mit freundlichen Gesichtern auf mich einreden. „Wo bu hui jiang zhong wen“, sage ich: „Ich spreche kein Chinesisch.“ Sie wiederholen meine Worte, um mir klar zu machen, dass sie mich verstanden haben, lachen mich angesichts der soeben von mir aufgestellten unerhörten Behauptung freundlich an und reden weiter auf mich ein. „Wo ting bu dong“, versuche ich mich zu retten, „Ich verstehe nicht“. Was die allgemeine Fröhlichkeit noch etwas steigert. So geht das Spielchen noch eine Weile weiter, bis ein Vorarbeiter das lustige Treiben mit einer kurzen Anweisung beendet. Endlich krabbelt auch mein chinesischer Freund durch den Zaun zurück – mit dem Paket. „That’s Life in Shanghai“, grinst er mit einer ausladenden Handbewegung. „So ist das Leben in Shanghai.“ Oder auch sehr frei übersetzt: Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai.

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